Mitschrift der Treffen der Arbeitsgruppe Verkehr vom 15.11. / 20.12.2001

Die Arbeitsgruppe Verkehr sprach sich mit Ausnahme von Herrn Rohrbach dafür aus, dass das Stadtplanungsforum baldmöglichst eine Struktur erhalten sollte, mit der eine offizielle Gründung möglich wird. Dies soll dazu dienen, den noch vorhandenen Schwung, den die Interessenten in eine solche Institution einbrachten und einbringen, beizubehalten und mit der inhaltlichen Arbeit beginnen zu können.

Die Arbeitsgruppe einigte sich darauf, dass die folgenden Themen im ersten Anlauf getrennt, später jedoch vor allem unter dem Gesichtspunkt der Vernetzung zu betrachten sind:

Straße, Schiene, Schuhe (Fuß- und Radverkehr), Luft, Wasser

STRASSE
Die Straße als Verkehrsweg bildet das Rückrat der Verkehrsinfrastruktur, bedingt durch die hohe Netzbildungsfähigkeit. In letzter Zeit ist jedoch zu erkennen, das dieser Verkehrsweg zum "Lagerplatz der Nation" (Lagerhaltung auf der Straße) verkommt, bedingt u. a. durch die just-in-time-Produktion. Dies spiegelt sich in zunehmenden LKW-Verkehr wider.

Situation in Stuttgart:
In Stuttgart herrscht ein hohes Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs, dass aus folgenden Faktoren resultiert:
Die hohe Arbeitsplatzzentralität der Stuttgarter Innenstadt führt zu einem deutlichen Pendlerüberschuss; in gegensätzlicher Richtung sind "Erholungspendler" zu erkennen, die aus dem dicht bebauten Stuttgarter Kessel in der Umgebung Erholung suchen.
Der Besetzungsrad der Pkw ist - vergleichbar mit anderen deutschen Großstädten - mit 1,33 Personen/Pkw gering.
Der Güterverkehr weist einen ungünstigen Modal Split auf, wodurch auch die Zahl an Lkw in und durch die Stadt nicht als gering bezeichnet werden kann.
Ein nicht unerheblicher Teil des Fernverkehrs läuft durch die Stadt Stuttgart.

Folgen:
Folgen dieses hohen Verkehrsaufkommen sind regelmäßig Staus, vor allem in der rush hour, in welcher der Verkehr mitunter schlicht steht. Besonders betroffen hiervon sind die Ein- und Ausfallstraßen.
Dies betrifft auch den ÖPNV, da hier der Busverkehrs ebenso verlangsamt wird. Des weiteren bedingen sowohl das allgemein hohe Aufkommen wie auch die Stauungen Umweltbelastungen in Form von Schadstoffemissionen, Lärm, aber auch "optische Umweltverschmutzung".

Auswirkung auf das Stadtbild:
Daraus ergibt sich, dass die Stuttgarter Verkehrsstruktur und somit auch das Stuttgarter Stadtbild unter anderem von der Infrastruktur des motorisierten Individualverkehrs geprägt sind. Als Beispiele sind hier aufzuführen: der City-Ring, die Zerschneidung der Stadt durch Verkehrsschneisen (B10/14/27/29...), aber auch der ruhende Verkehr, der insbesondere in dicht bebauten Wohngebieten auch zu einem optischen Problem wird.

Ansätze:
Ansätze zur Lösung dieser Probleme sind differenziert zu betrachten und werden nie abschließend ein Patentrezept darstellen können. Jedes der angerissenen Themen wird eine weitergehende und tiefere Betrachtung erfordern, welche zum jetzigen Zeitpunkt nicht leistbar ist. Dennoch sollen einige wenige Ansätze kurz angerissen werden, ohne über ihre Praktikabilität zu werten.
Der Neubau der Landesmesse und der etwaige Ausbau des Flughafens Stuttgart werden die BAB 8 und die Knoten mit der BAB 81 weiter belasten. Hier ist eine BAB-Umfahrung Ost zu überdenken.
Die Kulturmeile wird durch den City-Ring mit seiner erheblichen Trennwirkung zerschnitten. Eine Mehrfachnutzung dieser Flächen durch eine Überdeckelung der Konrad-Adenauer-Straße im Abschnitt Landtag-Staatsoper könnte hier eine Möglichkeit darstellen, stellt jedoch in erster Linie ein städtebauliches Problem dar, wie eine solche Überdeckelung gestaltet werden könnte.
Eine ähnlicher Ansatz würde eine Mehrfachnutzung der BAB-Knoten darstellen, treten hierbei jedoch ebenso Probleme der Gestaltung und Nutzungsmöglichkeiten auf.
Um bei den hohen Zahlen von Gütertransporten auf der Straße Abhilfe zu schaffen, könnte die Idee des Gütertransports mit der Straßenbahn aufgenommen werden. Versuche hierzu, z. B. in Dresden, stecken noch in den Kinderschuhen.
Als geeignete Maßnahme erscheint der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, sowohl baulich als auch durch Maßnahmen der Taktverdichtung. Hierzu zählen auch Busbeschleunigungen durch die Einführung und Ausbau von Busspuren, Ampelbevorrechtigung, etc.
Wie in Oslo und New York schon praktiziert, ist auch die Möglichkeit einer City-Maut zu überdenken, bei welcher für die Einfahrt in die Stadt ein gewisser Betrag zu entrichten ist.

SCHIENE
Nahverkehr:
Das Thema Schiene umfasst vor allem den Öffentlichen Personennahverkehr in und um Stuttgart. Der ÖPNV stellt eine umweltfreundliche Form der Mobilität dar, die in Ballungsräumen unverzichtlich ist.
Die Erstellung der Infrastruktur ist jedoch mit hohen Kosten verbunden (Kunstbauwerke, Tunnel), wodurch die Frage nach Kosten in Relation zum Nutzen des ÖPNV immer wieder in den Mittelpunkt gerückt wird.
Prägend für den Stuttgarter ÖPNV und sein Erscheinungsbild sind vor allem die Hochbahnsteige des schienengebundenen ÖPNV. In Stuttgart ist allgemein eine Mischsystem zwischen Straßen-, Stadt- und U-Bahn erkenntlich, wodurch die Stadtbahn auch eher den Charakter einer Schnellbahn, denn einer Straßenbahn (im Sinne der "Bimmel" oder "Tram") darstellt.
Zu erwähnen ist die weitgehende Beschränkung der Schieninfrastruktur auf die Entwicklungsachsen und der Engpass am "Hbf tief", also der S-Bahn-Röhre am Hauptbahnhof. Dieser Engpass betrifft auch die Bahnsteige, welche während der rush hour ihre Kapazitätsgrenzen erreichen.

Stuttgart21
Eine Sonderstellung nimmt das Thema Stuttgart21 ein. Neben vielen städtebaulichen Aspekten, z. B. des Verlustes des "Erlebnis Stuttgart", da die Stadt wird bei einer unterirdischen Anfahrt in Tunneln nicht mehr wahrgenommen, sind insbesondere folgenden Fragen noch offen und zu klären:
Die Verknüpfung mit dem Nahverkehr scheint noch nicht geklärt, also wie das Konzept des Durchgangsbahnhofs für den Schnellverkehr in das Nahverkehrssystem integriert werden kann.
Des weiteren ist die Möglichkeit der Gäubahn-Reaktivierung zu untersuchen.
In Verbindung mit den aktuellen Planungen auf dem Pragsattel ist auch zu klären, ob ein Nordbahnhof am Pragsattel ("City Prag") eine realistische Alternative darstellt.

Schuhe (Rad- und Fußverkehr)
Schuhe
Die Arbeitsgruppe einigte sich darauf, die bereits existierenden Arbeiten der Lokalen Agenda aufzugreifen und nach Prüfung diese u. U. als Grundlage zu nutzen.

Rad
Stuttgart ist keine klassische Fahrradstadt und wird dies aus topografischen Gründen wohl auch nicht werden.

Weitere Gründe, warum der Fahrradverkehr in Stuttgart eine untergeordnete Rolle spielt, sind das lückenhafte Radwegenetz sowie fehlende Aufstiegshilfen mit dem ÖPNV, die das Überwinden der Hänge erleichtern könnten. Vergleichbar mit dem Thema Fußverkehr will die Gruppe auf den Radwegeverkehrsplan der Stadt Stuttgart zurückgreifen.
Bei dem Thema "Schuhe" sollten neben dem Rad- und Fußverkehr jedoch auch nicht die Inline-Skates vergessen werden, auch wenn diese in Stuttgart bisher keine größere Rolle spielen (siehe auch Rad). Die Etablierung des "Thursday Night Skating" in den Sommermonaten spiegelt jedoch die Nachfrage nach dieser Form der Fortbewegung und Freizeitgestaltung wider.

LUFT
Vor allem der Neubau der Messe kann eine erhöhtes Fluggastaufkommen zur Folge haben. Im Rahmen des Anschlusses des Flughafens und der Messe an den ÖPNV sind die Auswirkungen, die diese neuen Erreichbarkeitsmöglichkeiten haben könnten, zu prüfen. Zum Anschluss an das ÖPNV-Netz siehe auch beiliegenden Brief von Herrn Bodenhöfer.
Neben den Auswirkungen der Messe ist auch noch die Frage zu beachten, ob Stuttgart zukünftig ein Landesflughafen bleiben oder zu einem internationalen Flughafen umstrukturiert werden soll.
Damit verbunden sind die Projekte der Startbahnerweiterung bzw. eines etwaigen Neubaus einer zweiten Start- und Landebahn.

WASSER
Plochingen stellt den Endpunkt des schiffbaren Neckars dar. Trotz hoher Investitionen in den Verkehrsweg Wasser ist die Auslastung gering, was die Frage nach der Wirtschaftlichkeit dieses Verkehrsweges aufwirft. Dies ist verknüpft mit der Frage, welche Güter überhaupt wirtschaftlich vertretbar auf Wasserstraßen verlagert werden können.
Trotz dieser Hemmnisse, die Wasserstraßen intensiver zu nutzen, ist vorgesehen, ein neues Hafenbecken für Daimler-Chrysler anzulegen, was für den Verkehrsweg Neckar neue Impulse setzen könnte.

Wolfgang Jung
jung@igp.uni-stuttgart.de