Mitschrift der Treffen der Arbeitsgruppe Stadtlandschaft vom 15.11.2001

Das Bild der Stuttgarter Stadtlandschaft ist hauptsächlich geprägt vom dichten Häusermeer in einem amorphen Talkessel und von einer aufgelockerten durchgrünten Bebauung an den aufsteigenden Hängen. Erst in zweiter Linie gehören zu dem Bild die jenseits der Kesselränder und der Kesselausgänge gewachsenen suburbanen Siedlungsmuster mit einer insulären Grundstruktur, entstanden als Verdichtungen um eingemeindete oder neue Ortskerne. Stadtlandschftliche Prägnanz haben in den dezentralen Lagen der Neckarraum, die Filderfläche und die nördliche Hügellandschaft.

Stadt und Landschaft verbinden sich im Fall Stuttgart zu einer außergewöhnlichen Erscheinungsform, die die Besonderheit der visuellen Wahrnehmung, die Signifikanz im "inneren Bild" ausmacht, das "Image", das ihre Einwohner und Besucher mit sich tragen. Es trägt die Identifikation mit der Stadt und ist Kern der Erinnerung. Gerade auch im Unterschied zu anderen Stadtbildern, die klassischerweise durch niedrige Ränder und zum Zentrum hin ansteigende Höhen charakterisiert sind, zeigt sich die Prägnanz des Stuttgarter Bildes, dessen Höhen am Rand liegen und dessen Zentrum als 5. Fassade der Stadt demgegenüber niedrig ist. (Sicher setzt sich das Image einer Stadt nicht nur aus seinen äußeren Erscheinungsbildern zusammen, sondern wesentlich auch aus den Eindrücken vom ortstypischen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Leben.)

Die Topographie und Bebauung haben Folgen für die Führung von Verkehrsadern, für Maßnahmen zum Schutz des Klimas (Kaltluftströme, Barrieren, Grünzüge), für gestalterisch wirksame Bauanordnungen wie Hochhäuser, für Bodenpreise und damit für die Verteilung von Dichten und Nutzungen.

Auch eine Stadtlandschaft ist veränderbar. Je höher aber dieses oben geschilderte spezielle Stadtimage gewichtet wird, desto umstrittener sind stadtplanerische Maßnahmen, die es verändern, gefährden oder nach Meinung von Beteiligten oder Betroffenen zu gefährden drohen.

Daher ist Stadtlandschaft, im Hinblick auf ihre Charakteristik, ihre Binnendifferenzierung, ihre Wahrnehmbarkeit, ihre ästhetische Belastbarkeit, ihren Werbewert, ihre Änderbarkeit, ... ein zentraler Aspekt in allen Debatten über Stuttgarter Stadtplanung; dem will auch deas Stadtplanungsforum Rechnung tragen.

Wichtig erscheint auch, das Bild der Stadt Stuttgart auszuweiten und neben dem Kessel die anderen stadtlandschaftlichen Teile, insbesondere den Neckarraum und die Filderebene miteinzubeziehen.

Der Neckarraum ist durch Gewerbe, Verkehr, Hafen geprägt. Zwar ist Stuttgart nicht eine Stadt am Neckar (wie Basel am Rhein), doch gibt es neben den fest und auf Dauer belegten Uferteilen(z.B. Hafenausbau für DaimlerChrysler) auch solche, die neuen Nutzungen offen sind oder in eine solche Richtung entwickelt werden Könnten. Generelles Ziel wäre, den Fluß in die Stadterfahrung einzubringen und die Qualität des Raums zu erhöhen. Leitbilder können Wohnen am Wasser, Freizeit und Erholung sein. Derzeitige Planungen betreffen Sport, evtl. Olympia incl. Wohnen, Athleten-Dorf). Um größere Uferabschnitte zugänglich zu machen, sollte im Rahmen einer langfristigen Strategie auch die Frage aufgeworfen werden, welche der z.Zt am Neckar liegenden Gewerbebetriebe auf ihre Lage am Fluß angewiesen sind, welche auch ohne Schaden woanders liegen könnten.

Die Entwicklungsmöglichkeiten der Fildern liegen - neben den derzeitigen Planungen (Messe) - in der Ordnung des suburbanen Raums mit seinen oft zerfransten Siedlungsstrukturen. Es kann u.a. um Ausweisung von Landschaftsparks, um die Präzisierung von Rändern, Bildung von Schwerpunkten, Orientierungsstrukturen (Landmarken etc. ) gehen.

Der Kessel ist der sensibelste Teil der Stuttgarter Stadtlandschaft. Seine Gefährdung wird insbesondere durch die Hochhausprojekte immer wieder aktuell diskutiert. Jüngstes Beispiel ist der Trump Tower. Das schon seit den 20er Jahren gültige Argument besagt, daß zwar Hochhäuser den Luftraum über dem Häusermeer der Stadt, die darüber lagernde Raumschicht, gestalterisch gliedern können und sollen, daß sie aber vereinzelt, dünn, begrenzt hoch, turmartig sein sollen. Der Kesselraum ist bis auf ein paar wenige Standorte (ADAC-Gelände, S21) diesbezüglich bereits ausgereizt. Stracke hat, gerade auch für die Randlagen des Kessels, das Argument der sensiblen Betonung topographisch sich anbietender Lagen hinzugefügt, wie z.B. der Stitzenberg (bereits vorhanden), Pragsattel (Streit um Art der Betonung aktuell), Schwerlinien zum Neckar hin und am Neckar entlang, etc. Er plädierte dabei für Gruppen und gegen Solitäre. Jedenfalls geht es um differenzierte Betrachtung, nicht um ein generelles ja/nein.

Aktuelle Teilprojekte, die die Entwicklung des weiteren Kesselraums betreffen, sind Pragsattel und Stuttgart 21 (mit oder ohne Tiefbahnhof/Tunnel). Die Idee einer IBA, einst mit Schwerpunkt auf einem Teilgebiet des Stuttgart 21 -Geländes, sollte nicht aus dem Auge verloren werden und könnte u.a. Aufhänger eines umfassenden Konzeptes für die gesamte Stuttgarter Stadtlandschaft sein.

Text Reuter, 16.11.01